Aktuelle Börsenturbulenzen ein Grund zur Sorge?

Seit einigen Monaten geht es an allen wichtigen Börsen der Welt bergab, insbesondere in China. Sowohl Börsenneulinge als auch erfahrene Börsianer stellen sich die Frage, ob im Rahmen dieser Marktbewegungen Handlungsbedarf besteht. Sollte man etwa Aktien, die bereits gut gelaufen sind, jetzt verkaufen? Oder sollte man sogar Aktien, die in den letzten Monaten ordentlich unter die Räder gekommen sind, kaufen?

Diese Fragen sind typisch und meiner Meinung nach sind es dennoch die falschen Fragen. Nachfolgend werde ich erläutern, welche Fragen wirklich wichtig sind und warum die aktuelle Marktentwicklung dabei eine untergeordnete Rolle spielt.

Mein Investmentansatz ist ein sehr langfristiger Ansatz – im Idealfall halte ich die Aktien über Jahrzehnte. Weltweit sinkende Börsen bzw. ein Aktiencrash stellen für mich deshalb keinen Grund dar, Aktien zu verkaufen. Die Hauptvorteile der Aktienanlage – hohe Renditen und gleichzeitig geringe Kosten – können nur bei sehr langen Anlagedauern voll zur Wirkung kommen.

Viele Anleger und Anlegerinnen sind meiner Meinung nach zu stark auf das aktuelle Marktgeschehen fokussiert. Dies ist nicht verwunderlich, da uns insbesondere die Wirtschaftspresse glauben macht, dass genau das wichtig ist. Aber gibt es überhaupt „den Aktienmarkt“? Natürlich gibt es die Börse, an der schier unendlich viele Wertpapiere gehandelt werden. Aber bei genauerer Betrachtung verhält es sich doch so:

Hinter jeder Aktie steckt ein einzigartiges Unternehmen, mit (hoffentlich) einzigartigem Wettbewerbsvorteil, einzigartigen Produkten und einer einzigartigen Wachstumsstrategie. Dies sind zumindest einige der Kriterien, auf die ich bei der Analyse von Aktien achte. Was hat jetzt aber Unternehmen A mit Unternehmen B zu tun? Natürlich können beide Unternehmen in der gleichen Branche tätig, ja Konkurrenten sein. Als Investor, der sich für diese Branche interessiert, sollte ich mir dann auch beide Aktien anschauen.

Was aber haben all die anderen Tausenden von Aktien, also der gesamte Aktienmarkt, mit diesen Unternehmen gemeinsam? Herzlich wenig. Die einzige Gemeinsamkeit der meisten Unternehmen ist die Teilnahme an der gleichen Weltwirtschaft. Wenn die weltwirtschaftliche Entwicklung schwächelt, werden tendenziell auch viele, vor allem stark konjunkturabhängige Unternehmen schwächeln. Sinkende Gewinne spiegeln sich dann in sinkenden Kursen wieder.

Es gibt jedoch viele Unternehmen, die so gut wie gar nicht von der aktuellen konjunkturellen Lage abhängig sind. Man schaue sich als Beispiel mal die Gewinnentwicklung der McDonald’s Corporation der letzten 10 Jahre an. Gerade in den Krisenjahren 2008/2009 sind die Gewinne weiter stark gestiegen.

Und somit kann man nicht alle Unternehmen über einen Kamm scheren und von „dem Aktienmarkt“ sprechen. Natürlich gibt ein breitgefasster Marktindex wie der Dax oder der Dow Jones Aufschluss über die aktuelle Börsenlage. Aber hilft mir der aktuelle Stand dieses Indizes oder der Markt bei meiner Entscheidung, in ein bestimmtes Unternehmen mit all seinen Besonderheiten und individuellen Vor- und Nachteilen zu investieren? Mitnichten.

Wie soll ich das aktuelle Dax-Kurs-Gewinn-Verhältnis, das ja nur einen Durchschnittswert über alle im Index enthaltenen Unternehmen darstellt, für mich bei der Auswahl eines konkreten Unternehmens nutzen? Hier ist es deutlich sinnvoller, mich zunächst ausschließlich mit diesem einen Unternehmen zu beschäftigen. So kann ich mir z.B. das historische KGV dieses einen Unternehmens anschauen und daraus schon wertvolle Schlüsse ziehen. Den gesamten Aktienmarkt mit all den anderen Wertpapieren benötige ich dafür nicht.

Der Aktienmarkt als Spiegel der aktuellen Weltkonjunktur hilft mir bei der Auswahl bzw. Bewertung einzelner Unternehmen also de facto nur sehr begrenzt weiter. Der Gesamtmarkt, am besten zusammengefasst in Form eines Index, bietet für Medien und Presse natürlich eine ideale Aggregationsstufe, um möglichst pauschal und einfach berichten zu können. Dass der Mehrwert für den einzelnen, wirklich interessierten Anleger eher auf der Strecke bleibt, interessiert dabei nicht.

Das vorwiegende Ziel der Wirtschaftspresse ist nämlich nicht die Bildung ihrer Leser, sondern das Geldverdienen. Das Geld kommt über Werbung herein, u.a. auch von den großen Finanzinstitutionen wie Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften. Diese haben ebenfalls kein großes Interesse daran, ihre Kunden finanziell zu bilden, denn dann würden viele für den Kunden teure und die Bank renditeträchtige Produkte nicht mehr verkauft werden.

Somit verwundert es nicht, warum immer wieder und mit allem Nachdruck Aktienfonds und ETFs empfohlen werden. Das sind Produkte, mit denen sich Geld in Form von laufenden Gebühren (= sicheres Einkommen) verdienen lässt. Beim Kauf von Einzelaktien fallen diese laufenden Gebühren nicht an, daher ist der Vertrieb für die Banken deutlich weniger interessant.

Wie sollte man sich als Privatanleger nun in der aktuellen Phase stark schwankender und tendenziell sinkender Kurse verhalten? Gelassenheit und möglichst wenig emotionales Handeln sind wohl die besten Ratschläge. Wer bereits ein Aktienportolio mit erstklassigen (!) Unternehmen besitzt, sollte dieses bei fallenden Kursen einfach weiter besitzen und vielleicht sogar gezielt einzelne Aktien nachkaufen. Neulinge, die jetzt erst mit dem Portfolioaufbau beginnen, sollten nur langsam ihre Positionen aufbauen und nicht direkt das ganze Budget investieren. Ferner sollten sie sich darüber bewusst sein, dass es einfach nicht möglich ist, beim „geringsten“ Kurs einzusteigen.

Unbedingt zu analysieren ist vor dem Kauf neben der Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells und des weiteren Wachstumspotenzials auch immer die aktuelle Bewertung des hinter der Aktie stehenden Unternehmens. Der Aktienmarkt als Ganzes hilft bei dieser Analyse einfach nicht weiter und sollte deshalb, unabängig von fallenden, seitwärts tendierenden oder steigenden Kursen keine Beachtung finden.

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